Wir verbringen zwei Nächte im Ceduna Foreshore Caravan Park, um uns auf die vielen Kilometer der nächsten drei Tage vorzubereiten. Waschen, Einkaufen, Gas auffüllen, Tanken, Schule – die Liste ist lang. Beim Einkauf ist Vorsicht geboten, denn Westaustralien hat strenge Regeln was die Einfuhr von Obst und Gemüse angeht. Als ich am Morgen der Abfahrt noch die erlaubte Wassermelone und Möhren kaufe, bekomme ich mit einem Augenzwinkern den Kommentar «Now I wonder where you are going?»
Und dann rollen wir auf dem Eyre Highway Richtung Westen, 1200 Kilometer sind es bis Norseman am anderen Ende der Nullarbor.

In Reiseforen wird einem immer davon abgeraten diese Strecke zu fahren, besonders mit Kindern. Es sei total langweilig und eintönig und viel besser von Adelaide nach Perth zu fliegen. Im Gegenzug haben alle Australier, mit denen wir darüber ins Gespräch kamen, nur Positives zu berichten gehabt. Jetzt können wir uns unsere eigene Meinung bilden. Wir haben jedoch nicht nur vor der langen Strecke Respekt, sondern auch vor der Hitzewelle, die ausgerechnet für die nächsten zwei Tage vorausgesagt ist. Bis zu 45 Grad werden erwartet.
Nach 70 km erreichen wir Penong mit seinem Windräder Museum.

Zur Freude der Jungs gibt es eine Schaukel, mit der man Wasser pumpen kann. So wird auch gleich noch die Funktionsweise der Windräder erklärt.

Weitere 80 km später Tanken wir das erste Mal am Nundroo Roadhouse, wo der Diesel mit 1.83 Dollar pro Liter regelrecht günstig ist. Tanken wird in den nächsten Tagen zu unserem neuen Hobby. Zwar gibt es in regelmässigen Abständen von etwa 100 bis 200 Kilometern Roadhouses mit Tankstellen, aber nicht immer haben alle Diesel. Deshalb füllen wir bei jeder zweiten Gelegenheit unseren Tank, um auf der sicheren Seite zu sein.
War bisher die Strasse noch von Bäumen gesäumt erreichen wir bald das östliche Ende der baumlosen Ebene, der die Nullarbor ihren Namen verdankt. (von lat. nulla arbor‚ kein Baum)

Am Head of Bight Lookout bekommen wir einen ersten Ausblick auf die Bunda Cliffs, die bis zu 100 Meter hohen Klippen an der australischen Südküste. Wenn man hier steht, trennt einen nur der Ozean von der Antarktis. Im Winter kann man hier ausserdem sehr gut südliche Glattwale beobachten. Wir bleiben nicht lang, denn das Thermometer zeigt bereits 35 Grad.

Am Nullarbor Roadhouse legen wir einen ausgiebigen Mittagsstopp ein. Es gilt als das schönste der Roadhouse an der Strecke. Hier gibt es unter anderem eine Nachbildung des ursprünglichen Gebäudes, in dem der Manager der Farm 1956 begann, Benzin von Hand aus Fässern zu Pumpen. Das Geschäft lief gut und so begann seine Frau ihre frisch gebackenen Kuchen in einem kleinen Laden zu verkaufen. Daraus entwickelte sich das heutige Roadhouse inklusive Motel und Campingplatz.

Von hier sind es noch etwa zwei Stunden bis zur Grenze zwischen den Bundesstaaten Süd- und Westaustralien, die wir heute noch erreichen wollen. Plötzlich wird die Strasse breiter und wir befinden uns mitten auf einer der Notfall Landebahnen des Royal Flying Doctor Services.

Der Highway führt auf diesem Streckenabschnitt fast immer am Meer entlang und so kann man an einigen eingezäunten Aussichtspunkten einen Blick auf die Bunda Cliffs werfen.

Hier treffen wir auch zum ersten Mal auf Sam, einen Australier, der für Maui ein Wohnmobil von Melbourne nach Perth überführt – in 8 Tagen! Das sind 3300 Kilometer, völlig verrückt.
Langsam wird es Zeit, sich einen Platz für die Nacht zu suchen. Ursprünglich hatten wir eine windgeschützte Stelle im Visier, aber als wir feststellen, dass wir ganz allein sind, fahren wir wieder ein paar Kilometer zurück und gesellen uns zu ein paar anderen Campern. Von hier geniesst man eine herrliche Aussicht aufs Meer und die hier nicht mehr ganz so hohen Klippen. Dank der Nähe zum Meer ist die Temperatur angenehm und von Hitzewelle nichts zu spüren.

Leider stellen wir fest, dass wir mal wieder Ameisenbesuch haben. Nur leider diesmal im Camper und das nicht zu knapp. Also muss Werner wieder mit dem Gift anrücken.

Am Abend müssen wir all unsere verbotene Ware aufbrauchen, sonst landet es morgen früh in der Tonne. Westaustralien versteht da keinen Spass, wird etwas Verbotenes im Auto gefunden, drohen drastische Strafen.

Nach dem Essen warten wir an der Strasse, um die Roadtrains zu beobachten. Diese Lastwagen, die das Outback mit allen möglichen Waren versorgen, sind bis zu 53 Meter lang. Völlig unvorstellbare Dimensionen in Europa.

Als wir uns am Abend einen Wecker für den nächsten Morgen stellen wollen, sind wir kurz verwirrt. Unsere Telefone haben sich schon auf die Zeitzone von Westaustralien eingestellt. Bisher waren wir davon ausgegangen, dass wir die Uhren um 1,5 Stunden zurückstellen müssen. Da Westaustralien keine Sommerzeit kennt, sind es jedoch 2,5 Stunden. Das ist sehr gut, denn morgen haben wir eine gewaltige Strecke vor uns.
Mein Telefon beschliesst jedoch, sich über Nacht wieder auf die alte Zeitzone zu stellen und klingelt mich am Morgen um drei aus dem Bett. Herzlichen Dank auch. Natürlich bin ich jetzt die restliche Nacht wach.

So sind wir kurz nach sechs Uhr auf der Strasse und kurz darauf am Border Village. Ein zeitiger Start ist heute eine gute Idee, denn es ist tatsächlich während der Nacht deutlich wärmer geworden und jetzt schon fast 30 Grad warm.
An der Quarantäne Station fragt uns eine freundliche Mitarbeiterin, ob wir irgendetwas zu deklarieren haben und kontrolliert anschliessend Kühlschrank und unsere Vorräte. Nachdem sie zufrieden feststellt, dass wir uns nur noch von Wassermelone, Ananas und Möhren ernähren werden, lässt sie uns fahren.
Da der Diesel 10 Kilomter hinter der Grenze deutlich günstiger ist, halten wir in Eucla zum Tanken. Jetzt ist das Zeitzonenchaos perfekt.

Zwischen Nullarbor Roadhouse und Caiguna Roadhouse gilt die Central Western Standard Time, die es aber irgendwie offiziell gar nicht gibt.
Hatten wir gestern noch viel Abwechslung mit den verschiedenen Aussichtspunkten, sehen wir heute nur Roadhouses. Die Landschaft wird bergiger und es gibt wieder Bäume.

Am Caiguna Roadhouse machen wir eine längere Pause, denn direkt danach beginnt die 90 Mile Straight – 146.6 Kilometer schnurgerade aus. Dafür sollte man relativ erholt sein, schwierig, wenn man schon 360 Kilometer hinter sich hat. Und man darf sich das nicht als deutsche Autobahn vorstellen. Es gibt nur eine Spur pro Richtung und wenig Überholspuren. Und man darf maximal 110 km/h fahren.

Als wir endlich das Balladonia Roadhouse erreichen, sind wir fast am heutigen Tagesziel angekommen. Hier gibt es ein kleines Museum, unter anderem über die Skylab Raumstation, welche 1979 abstürzte. Der Grossteil landete wie geplant im indischen Ozean, einige Bruchstücke jedoch trafen den 14 Seelen Ort Balladonia. Angeblich soll sich der damalige US Präsident Jimmy Carter sogar persönlich am Telefon beim Roadhouse Besitzer entschuldigt haben.

Wir haben schon beim Betreten des Roadhouses zwei Rennräder gesehen und uns gefragt, wer so verrückt ist, diese Strecke mit dem Rad in Angriff zu nehmen. Einer der Radler fragt uns dann, ob zwischen hier und Caiguna wirklich keinerlei Möglichkeit zum Wasser füllen besteht. Wir sind etwas überrascht, denn bei so einem Vorhaben informiert man sich doch vorher gründlich über die Versorgungsmöglichkeiten. Er will auch nicht glauben, dass im Roadhouse kein Trinkwasser aus dem Hahn kommt und er für 50 Dollar Flaschen kaufen soll, um seinen Vorrat aufzufüllen. Wir schenken ihm unserer restlichen Flaschen und hoffen, dass die beiden heil an ihrem Ziel ankommen.
90 Kilometer später erreichen wir Fraser Range Station, eine Rinderfarm, die auch Camping und Zimmer anbietet. Wir werden von Chris, dem Mädchen für alles begrüsst und bekommen für 40 Dollar einen Stellplatz mit Strom und eine Dusche. Bei schwülen 35 Grad kommt beides sehr gelegen. Anscheinend hat es hier gestern ziemlich heftig geregnet.

Nach 630 Kilometern habe ich nicht mehr viel Lust zum Kochen und so nehmen wir das angebotene Abendessen gern in Anspruch.

Am nächsten Morgen kommen uns die verbliebenen 100 Kilometer bis Norseman vor wie ein Katzensprung. Und dann haben wir die Nullarbor durchquert und geniessen ein letztes Mal «Roadhouse Romantik» beim Tanken.

In Norseman biegen wir Richtung Süden ab, denn wir wollen am Meer entlang nach Perth fahren. Die Strecke nach Esperance führt durch Farmland und bietet nicht viel Abwechslung.

Im Gegensatz dazu fanden wir die Nullarbor kein bisschen langweilig. Ja, es waren 1400 Kilometer in 3 Tagen und insgesamt rund 15 Stunden reine Fahrzeit. Die Jungs haben es dank grosszügigem Medienzeit Budget super gut gemacht und Werner hat uns sicher ans Ziel gebracht. Aber eben genau diese Strecken vermitteln einem erst, wie gross dieses Land wirklich ist und geben einen kleinen Einblick in das Leben im Outback.
Hier findet ihr noch mehr Eindrücke der letzten Tage.