Im hohen Norden

Eigentlich war es gar nicht geplant, den nördlichsten Zipfel Neuseelands zu bereisen. Es mag bei einem Blick auf die Karte zwar nicht so scheinen, aber der „kleine Ausflug“ schlägt mit etwa 1000 Kilometern zu buche. Durch das doch wechselhafte Aprilwetter, welches wir auf der Nordinsel erlebt haben, waren wir etwas schneller unterwegs als gedacht. Sechs Nächte bleiben uns für diesen Teil der Reise und eines schon mal vorweg – das waren definitiv zu wenig.

Von Muriwai aus fahren wir durch schier endloses Farmland Richtung Norden. Wir wollen zuerst an die Westküste, die sogenannte Kauri Coast. Die heutige Etappe hat fast 250 Kilometer, an sich nicht so eine Sache. Allerdings reiht sich einmal mehr Kurve an Kurve und es geht ständig bergauf und natürlich wieder bergab. Da kommt man gefühlt nur im Schneckentempo vorwärts. Wir erinnern uns an die Worte der Dame bei der Camper Übergabe „Tourists drive 200 – 300 km per day on average.“ Wir sind jetzt bei einem Schnitt von 115 Kilometern pro Tag und das fanden wir stellenweise schon zu viel. Für die Mittagspause findet sich ein schöner Spielplatz, auch wenn es in dem Ort sonst nichts gibt. Wir steuern die Kai Iwi Lakes an, eine Gruppe von Süsswasserseen, die gerade einmal 2 Kilometer von der Küste entfernt liegen. Ausländische Touristen verirren sich kaum hier hin, dafür ist das Gebiet bei neuseeländischen Familien um so beliebter. Leider färbt sich der Himmel bedrohlich schwarz und es weht ein kühler Wind. So wird nichts aus der geplanten Badepause, aber zum buddeln reicht es allemal.

Kai Iwi Lakes – neuseeländischer Ferientraum

Von hier sind es nur noch ein paar Kilometer bis zum Campingplatz. Ein Spielplatz wurde gewünscht und so landen wir auf dem Kauri Coast Top 10, der mitten im Wald an einem Fluss liegt. Die Osterferien haben begonnen und so ist am Abend in der wirklich grossen Küche fast kein Durchkommen mehr. Unser Nachtlager liegt nur einen Katzensprung entfernt vom Trounson Kauri Park, dem wir am Morgen einen Besuch abstatten. Das Holz der Kauris war schon immer sehr begehrt und so wurde der Bestand seit Beginn der europäischen Besiedlung stark dezimiert. Heute stehen die Bäume unter Naturschutz und dürfen nur noch von den Maori zu rituellen Zwecken gefällt werden. Allerdings rückt den Baumriesen jetzt ein anderer Feind zu Leibe – die Kauri Dieback Disease. Der Pilzbefall breitet sich rasend schnell aus und führt zum Absterben der Bäume. Deshalb sollte man sich auch hier vor betreten des Waldes gründlich die Schuhe reinigen und desinfizieren, um keine verseuchte Erde einzuschleppen.

Schuhreinigungsstation

Wir sind ganz allein im Wald und geniessen den kleinen Rundgang. Die Kauri Bäume sind wirklich gigantisch, hier steht ein Exemplar mit 3,5 Metern Stammdurchmesser, welches 1200 Jahre alt ist.

Genickstarre inklusive – im Trounson Kauri Park

Das ist aber noch gar nichts, ein paar kurvenreiche Kilometer weiter im Waipoua Forest steht der Tane Mahuta, mit 51 Metern Höhe und fast 14 Metern Umfang der grösste lebende Kauri Neuseelands. Der „Lord of the Forest“ spielt eine bedeutende Rolle in der Mythologie der Maoris.

Wahnsinnig beeindruckend – Tane Mahuta

Im selben Wald steht auch der „Father of the Forest“, mit 3500 Jahren der älteste lebende Kauri.

Wir nehmen Abschied von den stillen Giganten und steuern weiter gen Norden. In Kaikohe, welches wir für unsere Mittagspause auserkoren hatten, gefällt es uns leider gar nicht. Wir haben das Gefühl, dass an jeder Ecke zwielichtige Gestalten lauern. Dann muss halt ein wenig idyllischer Parkplatz am Highway herhalten. Den passenden Spielplatz finden wir dann in Kaitaia, und was für einen. Da steht doch tatsächlich eine echte ausrangierte Lok.

Spielplatz Kaitaia

Wir wollten heute noch bis zum Cape Reinga, aber das liegt noch gut 90 Minuten entfernt. Statt dessen fällt unsere Wahl auf einen kleinen Campingplatz am 90 Mile Beach. Kleiner Haken – zwischen unserem Ziel und uns liegen 8 Kilometer Schotterstrasse der übleren Sorte. Das Wohnmobil wird ordentlich durchgeschüttelt und wir befürchten schon, dass es bei der Ankunft über uns zusammen brechen wird. Wir kommen aber wohlbehalten am Utea Park an und werden herzlich von Tania, der Besitzerin, begrüsst. Hier versteckt sich ein kleines Juwel hinter den Dünen. Obwohl es ein einfacher, kleiner Platz auf der grünen Wiese ist, finden wir hier eine der besten Küchen unserer ganzen Reise vor. Und die Lage ist nicht zu überbieten, keine 2 Minuten bis zum Strand.

Nach der langen Autofahrt gibt es kein Halten mehr

Der 90 Mile Beach ist vor allem bei Allrad Enthusiasten beliebt, denn man kann den ganzen Strand bis hinauf zum Cape Reinga mit dem Auto befahren. Jeden Tag nehmen auch ganze Busladungen mit Touristen diesen Weg, aber zu so später Stunde sind wir fast allein hier.

Grosser Sandkasten

Als Schmankerl gibt es noch einen Sonnenuntergang vom Feinsten.

500 Bilder später ist sie dann verschwunden

Zurück am Campingplatz verweist Tania auf einen grossen Eimer Muscheln vor der Küche. Die hat sie heute morgen mit ihren Enkelkindern gesammelt und es kann sich jeder soviel davon nehmen wie er will. Da müsste ich aber allein zu Abend essen. Die Jungs dürfen sich dafür Marshmellows über dem Feuer rösten. Utea Park ist für uns ganz sicher in den Top 10 unserer Campingplätze in Neuseeland. Und das schon bevor uns Tania zum Frühstück einen leckeren Blaubeer-Smoothie serviert.

Die lange Fahrt zum Cape Reinga und zurück würden wir nicht noch einmal auf uns nehmen. Zwar geht die Strasse ausnahmsweise mal gerade aus und wir kommen schnell voran, trotzdem ist es eine 80 km lange Sackgasse.

Cape Reinga Leuchtturm

Das Schild am Leuchtturm sagt, dass Bluff ganz im Süden der Südinsel 1450 km Luftlinie entfernt ist. Wir haben zwischen den zwei Orten knapp 4000 km zurück gelegt, sind wohl irgendwo falsch abgebogen.

Ein Blick auf die Uhr sagt, dass wir schon wieder ziemlich spät dran sind, deshalb wird der Ausflug zu den Te Paki Sanddünen gestrichen. Stattdessen halten wir am Rarawa Beach. Bevor wir aber den Karibikstrand geniessen können, müssen wir einen kleinen Fluss überqueren. Gar nicht so einfach, eine Stelle zu finden, bei der man nicht bis zur Hüfte im Wasser versinkt.

Rarawa Beach

Unser Tagesziel ist die Karikari Peninsula, ein eher wenig bekannter Ort im Northland. Und wir werden nicht enttäuscht. Am Tokerau Beach gibt es einen Freedom Spot direkt am Strand, wirklich wunderschön. Die Jungs buddeln bis zum letzten Sonnenstrahl im Sand.

Parken in der ersten Reihe – Tokerau Beach

Noch schöner ist allerdings die Maitai Bay ganz am Ende der Halbinsel. Leider gibt es hier keine Cocktails, dafür aber einen super Strand. Die Jungs sind damit beschäftigt Gräben zu ziehen und kleine Seen zu bauen, während wir uns an der Umgebung gar nicht satt sehen können. Hier könnte man es definitiv auch länger aushalten.

Grossbaustelle an der Maitai Bay

Auf uns warten aber noch ein paar Kilometer, deshalb fahren wir nach dem Mittag weiter Richtung Bay of Islands. Das Osterwochenende steht bevor und so haben wir den Campingplatz in Paihia reserviert. Aus dem geplanten Zwischenstopp wird nichts, eine steile Stichstrasse mit einem „Limited Turning“ Schild scheint uns nicht kompatibel mit unserem Gefährt. So halten wir statt dessen an den Rainbow Falls bei Kerikeri. Wasserfälle sind anscheinend nicht mehr spannend genug, die Jungmannschaft nörgelt und verlangt nach Kuchen. Praktisch, dass es hier einen Tearoom gibt, der sogar noch geöffnet hat. (Cafés schliessen in Neuseeland unverständlicherweise spätestens 15 Uhr.) Aber auch hier hat man nicht mehr mit Kundschaft gerechnet und will gerade die Tür schliessen. Nett wie die Kiwis sind, servieren sie uns aber trotzdem super leckeren Kuchen und Kaffee aus der bereits geputzten Maschine.

Rainbow Falls Tearoom – fragwürdige Gesellschaft

In Paihia nächtigen wir auf dem Top 10 Campingplatz direkt am Wasser. In der Bay of Islands dreht sich wie der Name schon sagt alles um die 144 Inseln in der Bucht. Wir sind aber etwas reisemüde und haben keine Lust auf einen teuren Bootsausflug. Letztendlich nehmen wir die Autofähre nach Russell, Neuseelands erster Hauptstadt. Das Örtchen ist wirklich nett und ich wäre gern noch etwas durch die Läden gebummelt, aber Henry mutiert zum Teenager und nörgelt ohne Ende. Erst als wir am Strand Pfannkuchen mit Apfelmus servieren, ist die Laune wieder besser. Als es kurz regnet, ist der Motz-Modus sofort wieder an. Da kann man sich nur auf die kommenden Jahre freuen.

Ausblick vom Tapeka Point in Russell

Unseren letzten Stopp vor Auckland legen wir in der Gegend um Whangarei ein. Die Stadt scheint uns nicht sonderlich spannend und es ist Karfreitag und alles hat geschlossen. Die Whangarei Heads, eine vorgelagerte Halbinsel, haben jedoch viele schöne Wanderungen zu bieten. Also schultern wir ein letztes Mal den Rucksack und machen uns auf den 3 km langen Busby Head Track. Angeblich sehr kinderfreundlich und sogar Paul verkündet stolz, dass er laufen wird. Wir sind skeptisch, lassen die Kraxe aber zurück.

Wanderburschen

Wie zu erwarten gibt es auch hier wieder ein recht steiles Stück zu überwinden, aber dafür erwartet uns hinter dem Hügel plötzlich strahlend blauer Himmel und Sonnenschein. Was uns vorher schon gefallen hat, ist jetzt noch einmal doppelt so schön. Kaum zu glauben, dass sich hier selbst zu Ostern nur eine handvoll Leute hin verirren. Der Weg führt über eine relativ schmale Landzunge, links und rechts fällt das Gelände steil ab. Dafür geniessen wir eine fantastische Aussicht auf die Smugglers Bay.

Smugglers Bay – Whangarei Heads

Leider haben wir statt Badesachen Regenjacken im Gepäck, aber zum Schwimmen im angenehm warmen Meer ist es auch ein bisschen zu windig. Auf dem Rückweg kommen dann fast noch Heimatgefühle auf.

Kuh auf dem Wanderweg – fast wie zu Hause

Paul ist tatsächlich die gesamte Strecke bis zur Smugglers Bay selbst gelaufen, nur die letzten 15 Minuten hat er das Papa Taxi in Anspruch genommen. Wir sind richtig stolz auf ihn.

Für die letzte Nacht im Camper haben wir den Uretiti Beach DOC Campground ausgesucht. Mit 300 Stellplätzen ist der Platz sehr grosszügig, aber dank Ostern bereits nachmittags um 15 Uhr gut gefüllt. Kein Wunder bei der Lage direkt an einem wunderschönen Strand. Der SH 1 ist allerdings auch nicht weit und so konkuriert das Rauschen der Wellen mit dem Brummen der Motoren.

Uretiti Beach mit Blick auf die Whangarei Heads

Ein letztes Abenteuer wartet am nächsten Morgen noch auf uns – die Waipu Caves. Die Höhle ist nicht erschlossen und kann eigenhändig erkundet werden. Ein Geheimtipp ist sie aber schon lange nicht mehr. Wir sind regelrecht erschrocken, dass der Parkplatz früh halb zehn schon fast voll ist. Dann sehen wir aber, dass man hier auch übernachten darf – das erklärt Einiges. Mit Taschenlampen bewaffnet suchen wir den Höhleneingang.

Waipu Caves

Im Inneren der Höhle ist es wirklich stockdunkel und wir tasten uns über rutschige Felsen vorwärts. Zum Glück haben wir Sandalen an, denn trockenen Fusses kommt man hier nicht weiter. Da es lange nicht geregnet hat, steht das Wasser im ersten Teil der Höhle allerdings nur knöchelhoch und ist damit kein Problem. Nach heftigen Regenfällen sollte man beim Betreten der Höhle sehr vorsichtig sein. Nach etwa 50 Metern kommen wir an einen Punkt, an dem das Wasser tiefer wird. Henry ist das Ganze nicht Geheuer und wir beschliessen, an diesem Punkt umzukehren. Nicht ohne jedoch einmal die Taschenlampen auszuschalten. Die Höhlendecke wird zum Sternenhimmel – der Wahnsinn.

Glühwürmchen in den Waipu Caves

Und das alles kostenlos. Überall in Neuseeland zahlt man für den Besuch der Glühwürmchen Höhlen teures Geld. Ein wirklich gelungener Abschluss unseres Ausflugs ins Northland.

2 Kommentare bei „Im hohen Norden“

  1. Immer wieder versinke ich in euren Berichten, gerade als meine Sandalen in den Waipu Caves nass werden, höre ich eine Stimme fragen, ob sie mir die Rechnung bringen soll und zack schon war ich zurück in Costa Rica… Super geschrieben die Berichte, vielen Dank dafür, es macht soooo viel Spaß sie zu lesen. Ganz liebe Grüße und weiter gutes Gelingen!!!

Schreibe einen Kommentar